30.03.2015 / Allgemein / /

Kinder Grossziehen in der Schweiz

Beitrag von Marianne Tribaldos, CVP Ortspartei Lenzburg, März 2015

Sind Kinder eine Privatsache oder geht ihr Wohlergehen alle an? In der Schweiz ist man, was materielle Zuwendungen für das Grossziehen von Kindern betrifft, nicht eben spendabel. Alles, was in anderen Ländern zum Standard gehört, braucht Jahrzehnte, bis es bei uns gesellschaftlich akzeptiert ist, wie: Ganztagsschulen, Krippen, Blockzeiten, Kindergeld. Jedes andere Familienmodell als das eines Alleinverdieners und einer Person, vorzugsweise einer Frau, die zu Hause für alles sorgt, stösst auf harten Widerstand. Aber gleichzeitig soll die Ehe kein Versorgungsmodell sein. Wie aber soll eine Frau bei den ohnehin geringeren Löhnen dann Kinder grossziehen, ohne selbst in Armut zu geraten?

Gerade wurde eine CVP Initiative verworfen, welche die Besteuerung der Kindergeldzulagen abschaffen wollte. Alle anderen Parteien waren dagegen, Hauptargumente: 1. Wer soll das bezahlen und 2. Unterstützung sollen nur die bekommen, die sie nötig haben. Warum es richtig ist, dass der Staat mit der einen Hand gibt und mit der anderen wieder nimmt, wovon letzten Endes dann nur die Bürokratie profitiert, bleibt das Geheimnis der Gegner.

Kinder machen Mühe, kosten Geld und benötigen viel Zeit und zwar unabhängig vom materiellen Stand und der beruflichen Situation einer Familie. Wenn Kinder die Zukunft einer Gesellschaft sind, sollte sich auch die ganze Gesellschaft mitverantwortlich fühlen. Das Halten eines Hundes ist Privatsache, nicht aber das Grossziehen von Kindern. Der Gesellschaft sollte jedes Kind erwünscht sein. Heute reicht ein Gehalt nur knapp oder gar nicht zum Leben einer Familie. Eine Unterstützung läge daher im staatlichen Interesse. Für Frauen – seltener für Männer – ergibt sich das Dilemma: wenn sie Kinder bekommen, müssen sie finanziell Abstriche machen und zwar für viele Jahre, damit auch für die Rentensituation und folglich für den Rest des Lebens.

Diese Situation hat historische Ursachen. Frauen waren sehr lange rechtlich entmündigt. Die Nachwirkungen reichen bis heute und zeigen sich auch in der letzten Abstimmung: 1. Kinder zu haben, darf das Steueraufkommen nicht beeinträchtigen. 2. Wer nicht arm ist, muss nicht unterstützt werden. Beide Argumente verkennen den Wert von Kindern für die Gesellschaft. Durch das Jasagen zum Kind erbringen Frauen und Männer eine Leistung, die Unterstützung verdient und auch benötigt.

Bis in die 70er Jahre war es nicht ungewöhnlich, dass unverheirateten Müttern ihre Kinder bei der Geburt weggenommen wurden. Frauen wurden dafür bestraft, dass sie schwanger wurden. Noch in der Mitte des 19. Jahrhundert konnten Sittengerichte (kirchliche Einrichtungen) unverheiratete Frauen zu Gefängnisstrafen bei unehelichen Geburten verurteilen. Schwanger werden und unzüchtiger Lebenswandel wurden gleichgesetzt, ausser die Frau war verheiratet. Damit war ihre Fruchtbarkeit der Verantwortung des Ehemannes unterstellt. In der Ehe aber gab es kein Selbstbestimmungsrecht und keine Gleichberechtigung. Das Familienrecht wurde erst im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts nach und nach geändert.

Die Forderung der CVP, die Kindergeldzulagen nicht mehr zu besteuern, war mehr als eine finanzielle, steuerrechtliche Forderung, es war eine Forderung nach einem Kulturwandel, denn offenbar ist noch immer nicht jedes Kind gesellschaftlich erwünscht.

Die Lebensbedingungen für Mütter können auch heute noch in der Schweiz als Strafe für die Fruchtbarkeit von Frauen empfunden werden!